Gedanken über die Vereinigten Staaten von Amerika

Es ist April, ich habe diesen Artikel seit Januar herum liegen, wahrscheinlich fehlen meine Referenzen und kleinen, eingefügten Videos…das mache ich später.

Ich habe in den letzten Wochen (das heißt im frühen bis späten Januar 2014) sehr häufig über das Verhältnis zwischen Europäern und “Amerikanern” nachgedacht. “Amerikaner”, weil wir das Wort verallgemeinert für Bürger der Vereinigten Staaten verwenden, obwohl natürlich Kanadier, Brasilianer, Mexikaner usw. auch Amerikaner sind.

Wenn man sich im Freundeskreis über die USA und seine Einwohner unterhält, ist es meist verächtlich. Wir verachten die Amerikaner dafür, dass sie sich für die großartigste Nation der Welt halten trotz ihrer vielen Probleme, dafür, dass sie ihr Waffengesetz nicht strenger machen, dass sie in unseren Augen alle fettleibig sind und dafür, dass sie immerzu Weltpolizei spielen, wie wir es sehen. Es gibt sehr schöne T-Shirts über das letzte Thema, siehe hier. Ich kann zum zweiten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung nichts sagen, weil ich auch nachdem ich mit einer Texanerin und einigen anderen Amerikanerinnen Freundschaft geschlossen habe, diese Einstellung nicht verstehe. Aber ich möchte mich gerne zu den Themen “Weltpolizei” und “Fettleibigkeit” äußern.

 

Erstmal Weltpolizei. Vor einigen Monaten unterhielt ich mich mit Evie und Jenai, zwei meiner amerikanischen Freundinnen. Evie erzählte, dass während der Auseinandersetzungen in Ägypten in den Staaten die Einstellung der Bevölkerung war, “Yay, lasst uns ein paar Diktatoren entmachten!” und das sie selbst fand, das sei falsch, weil sie sich zuerst um eigene Probleme kümmern sollten. Mein erster Gedanke war der typisch europäische Gedanke – Verachtung für die Einstellung, fremde Diktatoren entmachten zu wollen. Und natürlich die Erinnerung an Sasha Baron Cohens geniale Schlussszene des Films “Der Diktator”. Natürlich, Amerika ist kein so freies Land wie die Leute gern glauben. (Aber ist Deutschland das?) Aber was mir erst einige Wochen später einfiel, ist folgendes. Ich muss dazu etwas ausholen. Ich wollte vor einiger Zeit eine Bewerbung einreichen, hatte aber mein Praktikumszeugnis in Schottland liegen lassen während ich in Hamburg war. Das ganze war natürlich eine furchtbar dumme, peinliche Angelegenheit und so schrieb ich Evie und Jenai an, die über Weihnachten in Schottland geblieben waren. Ich bat sie, sich Zutritt zu meinem Zimmer zu holen, das Zeugnis zu suchen, einzuscannen und zu emailen. Beide sagten ohne zu Zögern zu, dass sie mir gerne helfen würden und dass das ihnen keine Umstände machen würde. Ich war natürlich sehr, sehr erleichtert und dankbar. Ich dachte darüber nach, dass ich mit den beiden zuvor schon ähnliche, weniger drastische Erfahrungen gemacht hatte, und wie hilfreich diese zwei doch seien. Oder US-Amerikaner generell. Meine Freundin Sarah aus Oklahoma ist sehr ähnlich gestrickt.

Und dabei fiel mir noch eine ganz andere Begebenheit ein. 2008 befanden wir uns im Familienurlaub in Kanada und wir boulderten im Lake Louise (oder Lake Lorraine?). Ich hatte meine Ray Ban im Ausschnitt stecken und natürlich fiel sie heraus, genau in den einzigen Spalt weit und breit, zwischen drei riesigen Felsbrocken. Ich stocherte also in dem Spalt herum und versuchte, sie heraus zu fischen. Mein Vater, der mir die Brille geschenkt hatte, war schon ganz sauer, als ein US-Amerikaner mittleren Alters seine Kräfte mit meinen vereinte. Er reichte mir seinen Wanderstock und ich stocherte weiter, aber nichts tat sich. Und dann sagte er: “If only we could move this rock!” (“Wenn wir nur diesen Felsen bewegen könnten!”) und ich antwortete sowas wie “Haha, ja, das habe ich auch gerade gedacht.”. Und dann fing er an, an dem kleinsten der drei Felsbrocken zu zerren. Man darf sich hier nicht verschätzen, der kleinste Felsbrocken wog sicherlich 300kg. Er zerrte also und natürlich zerrte ich mit. Und wir schafften es, der Felsen lag ja größtenteils im flachen Wasser des Sees. Wir bewegten ihn ein Stück, und da war sie: meine geliebte Ray Ban! Überlegt euch das mal: Dieser Mann war freundlich und hilfsbereit genug, für eine völlig Fremde einen solchen Brocken zu bewegen, nur um eine einfache Sonnenbrille wiederzubeschaffen. Ich glaube wirklich nicht, dass der Grund warum die Amerikaner so eine aggressive Außenpolitik verfolgen, der Wunsch Weltpolizei zu spielen ist. Sicherlich, auf den höheren politischen Eben ist es der Wunsch nach mehr Macht, mehr Rohstoffen und sich zu profilieren. Aber die Männer und Frauen, die sich für die Armee freiwillig melden und Berufssoldaten werden, sind in meinen naiven Augen Leute, die einfach die Welt verbessern und anderen Menschen helfen wollen, die unterdrückt werden.

 

Weiter zum Thema Fettleibigkeit. Wir Deutsche sehen unheimlich gern hinab auf die Amerikaner. Uns ist wenig bewusst, wie fett wir eigentlich sind. Innerhalb Europas haben wir eine der höchsten Übergewichtsraten (BMI 30+) und was Fettleibigkeit (BMI 45+) angeht, übertreffen uns nur die Briten. Doch genug davon – was schlimm ist, ist dass wir die Fettleibigkeit der Amerikaner automatisch auf ihre Sucht nach McDonald’s & Co schieben. Ich selbst brauchte erst ein Fernsehprogramm wie Jamie Oliver, der versuchte einer amerikanischen Gemeinde gesunde Ernährung beizubringen, um einen kleinen Teil des Problems zu erkennen. Jamie besucht in seiner Sendung eine Schulklasse, in der die Kinder die einfachsten Gemüsesorten nicht benennen können. Sie können auch nicht den Zusammenhang zwischen einer rohen Kartoffel und fertigen Pommes erklären, weil sie ihn nicht kennen! Das schockt. Und es erklärt das Problem mit dem gesunden Essen. Wenn man in der Schulcafeteria erklärt bekommt, dass Pizza eine von fünf Gemüse- bzw. Obstsorten ist, weil sie Tomaten (in Form von Sauce/Belag!) enthält, kann man gesunde Ernährung kaum erlernen. Ich war schockiert von dieser Entdeckung und berichtete meiner Freundin Kathrin. Kathrin ist Kindergartenerzieherin und sie war gar nicht gerührt von meiner Erzählung. Im Gegenteil, sie musste ähnliche Maßnahmen wie die Lehrerin in der Sendung unternehmen um kleinen Kindern beizubringen, welche Gemüsesorten wie heißen. Das wiederum entsetzte mich – typisch deutsche Arroganz, davon auszugehen, dass solche Umstände bei uns nicht vorkämen. Ganz abgesehen davon, dass viele Konzerne wie McDonald’s alles dafür tun, um zu verbergen wie ungesund ihr Essen ist, in dem sie nämlich ihre Nährwertangaben verstecken oder schlecht sichtbar aufhängen.

Ein weiteres Problem ist mir erst heute ins Bewusstsein gerückt – obwohl es mir lange klar war. Viele von euch haben mich oft über die Lebenserhaltungskosten in Großbritannien klagen hören, was auch stimmt. Sie sind ein vielfaches der deutschen. Ein halber Liter Milch kostet um die 80 Cent. Eine Tüte Mini-Doughnuts kostet circa 1,3€. Eine einzige Gurke kostet so viel, wie ein halber Liter Milch kostet…. Also was kauft man, Doughnuts oder Gurken? Obst und Gemüse sind katastrophal teuer hier. Was hat das mit Amerika zu tun? Ganz einfach: das Essen ist schwer zu bezahlen für einen großen Teil der Menschen. Also hungern sie und kaufen sich mit ihrem wenigen Geld das Essen, was die meisten Kalorien hat. Und das ist nunmal das ungesunde Essen. Wenn ein Hamburger so viel kostet wie ein Pfirsich – was nimmst du? Man sieht also, dass die Fettleibigkeit von Unbildung und Armut herrührt. Was uns in Europa scheinbar nie klar wurde. Zumindest nicht so, wie wir über Amerikaner reden. Ich erinnere mich, dass mein Vater mir immer einschärfte schlank zu sein bzw. abzunehmen, da die besser situierten Menschen an ihrem gesunden Gewicht zu erkennen sein. Wer mehr über das Thema Armut, Hunger und Fettleibigkeit wissen will, schaue sich den Film “A Place at the Table” an, denn der hat mich zu diesem Blog inspiriert.

Und jetzt möchte ich eine kleine Bemerkung zu dem Thema Rassismus machen. Es war entweder Stephen Emmott (siehe Buchrezension hier) oder Danny Dorling (Buchrezension unterwegs) der bemerkte, dass wir uns endlich von der Vorstellung loslösen müssten, es gäbe eine natürlich überlegene Menschenrasse. Weil wir uns nämlich alle ähnlicher seien, als unterschiedlich. Was die DNA angeht sind wir alle so gut wie identisch, wir werden mit denselben Voraussetzungen geboren und die Umwelt gibt den Rest dazu. Man muss keine klinische Neuropsychologin sein, um auf die Idee zu kommen, dass Mangelernährung der Entwicklung des Gehirns schadet. Das gilt für weiße wie schwarze Kinder, für Jungen wie Mädchen. Und wer leidet an Mangelernährung? Richtig, ärmere Schichten die sich gesundes Essen nicht leisten können. Wer macht den größeren Teil der Armen aus? Schwarze. Ihr versteht, was ich meine. Weiße Kinder, die benachteiligt aufwachsen, machen sich auch schlechter als ihre behütet aufgezogenen Klassenkameraden. Einige Erklärungen für die Lücke zwischen Weißen und Schwarzen in IQ-Tests sind eben genau das: wenn ein Kind in einer Umgebung mit niedrigerem Einkommen, weniger gesundem Essen und einem schwierigen sozialen Umfeld aufwächst, belastet das das sich entwickelnde Gehirn. Die Kinder haben mehr Probleme damit ihr Verhalten zu regulieren, sich zu konzentrieren, sozial einzufügen und Ähnliches. Man muss doch wirklich kein Genie sein um zu erklären, dass die Hautfarbe nichts damit zu tun hat. (Kurzer Ausflug in etwas das Phrenologie ähnelt, zumindest für Laien: Kinder, die in Waisenhäusern aufwachsen, haben kleinere Köpfe als diejenigen, die in einem festen Zuhause aufwachsen, weil sich ihre Gehirne nicht richtig entwickeln durch ein fehlendes Heim. Und dieser Unterschied gibt sich nicht mit der Zeit.)

 

Also, können wir uns bitte von der Vorstellung lösen, dicke Menschen seien dumm? Dummheit ist nicht das selbe wie wenig Bildung – oder wenige finanzielle Ressourcen um sich gesundes Essen zu kaufen. Und wo wir gerade bei ein bisschen Revolution sind, vergessen wir doch einfach die Idee von einer kognitiv überlegenen Menschenrasse. Denn wenn es sie gäbe, wären das nicht wir Weißen. Je nach Testverfahren schneiden Asiaten und Juden (die, warum auch immer, separat gerechnet werden) besser ab als wir Weiße. Und ja, ich bleibe bei den politisch unerwünschten Begriffen von Weiß und Schwarz und schließe diesen Blog mit folgendem:

 

Als ich geboren wurde, war ich schwarz

Als ich aufwuchs, war ich schwarz

Wenn ich krank bin, bin ich schwarz

Wenn ich in die Sonne gehe, bin ich schwarz

Wenn ich friere, bin ich schwarz

Wenn ich sterbe, werde ich schwarz sein.

 

Aber ihr,

Wenn ihr geboren werdet, seid ihr rosa,

Wenn ihr aufwachst, seid ihr weiß,

Wenn ihr krank seid, seid ihr grün,

Wenn ihr friert, werdet ihr blau,

Wenn ihr sterbt, werdet ihr lila,

und ihr besitzt die Frechheit, mich als farbig zu bezeichnen?

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2 thoughts on “Gedanken über die Vereinigten Staaten von Amerika

  1. Also, über die USA hast du ja nicht sooo viel geschrieben. Ich denke auch nicht das es sehr viele Menschen gibt die die “einfachen”Bürger der USA unterstellen Weltpolizei sein zu wollen. Die USA als Staat scheint diesen Wunsch aber durchaus zu haben. Zumindest erwecken sie den Anschein. Wobei sich das “wir sind die Guten und kämpfen gegen die Unterdrücker” doch eher oberflächig ist. Die USA vertreten einzig und allein ihre eigenen Interessen, und das ohne Rücksicht auf andere Staaten, Länder, Völker und Sitten.

    Die ganze Welt geht der USA am Allerwertesten vorbei, ausser vllt. die Regionen wo sie etwas holen könnten. Die USA sind die wohl grösste “Terrororganision” der Welt. Oder wie nennt man das geziehlte ermorden von regulär gewählten Staatsoberhäupter anderer Nationen?

    Sie bespitzeln uns, sie “drohen” uns wenn je einer von ihnen vor den internationalen Gerichtshof in Deenhag gezerrt wird mit “entsprechenden Gegenmassnahmen”, sie halten Menschen ohne Grund und ohne Anklage gefangen.

    Zustimmen tue ich dir, dass der durchschnitts Ami der sich zum Militär meldet, sehr naiv ist. Allerderdings glaube ich nicht das viele dort hin gehen um die Welt zu verändern, sondern einfach damit sie einen festen Job haben.
    “Freie Länder” sind weder die USA noch die BRD. Aber, die USA ist in meinen Augen der grösste Schurkenstaat der Welt.

    (Schön hier mal wieder was auf deutsch zu lesen 🙂 hatte schon fast aufgegeben hier rein zu sehen)

    • Du hast sicherlich nicht Unrecht und ich habe mich überwiegend auf die einfachen Staatsbürger bezogen mit meinen Aussagen. Ich kenne auch Leute, die sich zum Militärdienst melden, um zu studieren. Wenn die akademische Ausbildung deines Kindes dich 100.000€ kostet, bist du sicherlich auch erstmal froh, wenn das Kind das beim Militär erledigen kann.

      Ich denke schon, dass die USA bzw. ihre Regierung sich selbst als “die Guten” sehen und deswegen so rigoros ihre Interessen vertreten. Die meisten Menschen sehen sich selbst als “die Guten” – alles andere würde unser Ego gar nicht überstehen. Die meisten Menschen überschätzen sich selbst ein wenig und das ist gesund. Ich habe mal eine Studie gelesen, die gezeigt hat, dass Menschen die sich eben nicht selbst überschätzen bzw. ihre positive Wirkung auf andere unterschätzten eher an Depressionen litten. Ein gesundes Selbstbild und emotionale Gesundheit scheinen irgendwie zusammenzuhängen…zurück zum Thema: die Vereinigten Staaten sind sicherlich nur die am positivsten dargestellten der übriggebliebenen Supermächte. Inwiefern das negativ ist, zeigt sich natürlich an der NSA-Affäre, an der die BRD aktuell zu knapsen hat. Und, dass wir uns nicht trauen mal was zu sagen. Was soll Obama schon machen? Invasion? Sanktion? Ich bitte dich. Wir müssen endlich aufhören zu kuschen. Ohne dass ich Russland in seinem Kampf um die Krim/Ukraine unterstützen möchte – aber Putin hat den Tanz auf der Nase der Amis schon ganz schön raus. Das hätte er sich unter G.W. Bush aber nicht getraut…

      PS: Es werden wieder deutsche Einträge kommen, wenn es mal was zu erzählen gibt…

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